Abstract der Dissertation
Obwohl die Heirat sowohl quelltextlich als auch zwischenmenschlich im Islam eine zentrale Angelegenheit darstellt, wird der Hafen der Ehe von der hiesigen neuen Generation der MuslimInnen kaum ohne erschwerende Turbulenzen und Grenzüberschreitungen erreicht.

Die Untersuchung innerhalb einer ganzheitlichen Betrachtung, welche Kontext- und Quelltext­analysen sowie empirische Forschungen unter den relevanten Akteuren – Jugendliche, deren Eltern, Imaame, muslimische Professionelle und nichtmuslimische Experten – umfasst, kommt zum Ergebnis, dass die betroffenen Jugendlichen, deren Familien und die Gemeinden zusammen eine (Tarbiyyah-)Strategie umzusetzen haben, welche Zina-Vermeidung durch Empowerment realisiert.

Letzteres beinhaltet die Option der Zina-Vermeidungsehe, auch wenn diese nicht alle Bedeutungen, Werte und Ideale des islamischen Eheverständnisses erfüllt.

Familienbezogene Beratung(seinholung) – Schuura – im Quraan und in der Sunnah

Nachfolgend familienbezogene Auszüge aus den bereits auf monajo.de veröffentlichten Artikeln Die Expertenbefragung in den Urquellen & Die Beratung(seinholung) im Quraan

sowie Die Beratung(seinholung) in der Sunnah und Siirah; angefangen mit Aayaat:

وَإِذَا طَلَّقْتُمْ النِّسَاءَ فَبَلَغْنَ أَجَلَهُنَّ فَلا تَعْضُلُوهُنَّ أَنْ يَنكِحْنَ أَزْوَاجَهُنَّ إِذَا تَرَاضَوْا بَيْنَهُمْ بِالْمَعْرُوفِ ذَلِكَ يُوعَظُ بِهِ مَنْ كَانَ مِنْكُمْ يُؤْمِنُ بِاللَّهِ وَالْيَوْمِ الآخِرِ ذَلِكُمْ أَزْكَى لَكُمْ وَأَطْهَرُ وَاللَّهُ يَعْلَمُ وَأَنْتُمْ لا تَعْلَمُونَ

„Und wenn ihr von den Ehefrauen die Talaaq/Scheidung vollzogen habt und sie sich dem Ende ihrer Wartezeit nähern, dann hindert sie (die Frauen) nicht daran, ihre Männer wieder zu heiraten, wenn sie sich nach dem Gebilligten aussöhnen. Damit wird von euch ermahnt, wer den Iimaan an ALLAAH und an den Jüngsten Tag zu verinnerlichen pflegte. Dies ist für euch nutzbringender und reiner. Und ALLAAH weiß und ihr wisst nicht.“[i]

In dieser Aayah, welche die Ehe resp. die Scheidung abhandelt, ist die Schuura implizit er­wähnt, denn ohne Gespräche und Meinungsaustausch kann keine gegenseitige, zufrieden­stellende Einigung erfolgen.[ii]

وَالْوَالِدَاتُ يُرْضِعْنَ أَوْلادَهُنَّ حَوْلَيْنِ كَامِلَيْنِ لِمَنْ أَرَادَ أَنْ يُتِمَّ الرَّضَاعَةَ وَعَلَى الْمَوْلُودِ لَهُ رِزْقُهُنَّ وَكِسْوَتُهُنَّ بِالْمَعْرُوفِ لا تُكَلَّفُ نَفْسٌ إِلاَّ وُسْعَهَا لا تُضَارَّ وَالِدَةٌ بِوَلَدِهَا وَلا مَوْلُودٌ لَهُ بِوَلَدِهِ وَعَلَى الْوَارِثِ مِثْلُ ذَلِكَ فَإِنْ أَرَادَا فِصَالاً عَنْ تَرَاضٍ مِنْهُمَا وَتَشَاوُرٍ فَلا جُنَاحَ عَلَيْهِمَا وَإِنْ أَرَدْتُمْ أَنْ تَسْتَرْضِعُوا أَوْلادَكُمْ فَلا جُنَاحَ عَلَيْكُمْ إِذَا سَلَّمْتُمْ مَا آتَيْتُمْ بِالْمَعْرُوفِ وَاتَّقُوا اللَّهَ وَاعْلَمُوا أَنَّ اللَّهَ بِمَا تَعْمَلُونَ بَصِيرٌ

Die Gebärenden stillen ihre Geborenen zwei volle Jahre für denjenigen, der die Stillzeit vollständig durchführen will. Demjenigen, dem geboren wurde, obliegt ihre Versorgung und ihr Bekleiden nach dem Üblichen. Einer Seele wird nicht auferlegt außer, was sie vermag. Weder einer Gebärenden darf wegen ihres Geborenen Schaden zugefügt werden, noch demjenigen, dem geboren wurde, wegen seines Geborenen; und dem Erben obliegt Gleiches wie dies. Sollten beide sich zum Abstillen im gegenseitigen Einvernehmen und nach Beratung entschließen, dann ist es für beide keine Verfehlung. Wenn ihr eure Kinder (durch andere) stillen lassen wollt, dann ist es keine Verfehlung für euch, wenn ihr das gebt, was ihr vereinbart habt, nach dem Üblichen. Erweist euch ehrfürchtig ALLAAH gegenüber und wisst, dass ALLAAH gewiss dessen, was ihr tut, allsehend ist. [iii]

Ibnu- ’aaschuur bemerkt bezüglich der Aayah 2:233, welche die Entwöhnung thematisiert, dass durch Beratung die Rechte deutlich werden sowie die Zufriedenheit aller erreicht wird.[iv]
Eine weitere Aayah beschäftigt sich mit einer Familienangelegenheit und der darin zentralen Bedeutung der Schuura:

فَإِنْ أَرْضَعْنَ لَكُمْ فَآتُوهُنَّ أُجُورَهُنَّ وَأْتَمِرُوا بَيْنَكُمْ بِمَعْرُوفٍ وَإِنْ تَعَاسَرْتُمْ فَسَتُرْضِعُ لَهُ أُخْرَى

Sollten sie für euch stillen, dann gebt ihnen ihren Lohn. Und ruft euch gegenseitig zur Billigkeit auf. Solltet ihr Schwierigkeiten miteinander haben, so wird für ihn eine andere stillen. [v]

In dieser Aayah wird der Konsensfindungsprozess zwischen den Geschiedenen bezogen auf das gemeinsame Kind, welches noch zu stillen ist, thematisiert. Die Gegenseitigkeit beim Aufruf zum Guten wird hier erwähnt (وَأْتَمِرُوا بَيْنَكُمْ بِمَعْرُوفٍ), ebenso wie die Möglichkeit des sich Einander-Schwer-Machens (وَإِنْ تَعَاسَرْتُم).

Im letzteren Fall ist eine andere Stillmutter einzu­schalten.

Bevor es jedoch im Islam zu einer Scheidung kommen kann, wird vorbeugend eine gesell­schaftliche Institution zwischengeschaltet, nämlich die familiäre Vermittlung:

وَإِنْ خِفْتُمْ شِقَاقَ بَيْنِهِمَا فَابْعَثُوا حَكَماً مِنْ أَهْلِهِ وَحَكَماً مِنْ أَهْلِهَا إِنْ يُرِيدَا إِصْلاحاً يُوَفِّقْ اللَّهُ بَيْنَهُمَا إِنَّ اللَّهَ كَانَ عَلِيماً خَبِيراً

Wenn ihr Streitigkeit zwischen ihnen (den Eheleuten) fürchtet, dann schaltet einen Schieds­mann von seinen Angehörigen und einen Schiedsmann von ihren Angehörigen ein. Wenn beide Versöhnung wollen, wird ALLAAH beide erfolgreich sein lassen. ALLAAH bleibt immer allwissend, allkundig! [vi]

Die Einrichtung eines Schiedsgerichts resp. einer Schiedsinstitution bestehend aus zwei Personen, welche jeweils eine der beiden Parteien repräsentieren, sorgt für einen Automatismus bezüglich der Beratung, da Alleingänge so ausgeschlossen sind. Die Beratung erfolgt dabei nicht nur auf organisatorischer Ebene zwischen den beiden allein, sondern (zumindest aller Wahrscheinlichkeit nach) auf einer organischen Basis auch zwischen den Schiedspersonen einerseits und den jeweiligen Eheleuten und deren Familien andererseits.

Eben­falls schlüssig ist die Annahme, dass bereits Beratungen stattfinden, wenn es darum geht sich als Paar auf Schiedspersonen zu einigen, eine Vorauswahl von potentiellen KandidatInnen für diese Funktion zu treffen wie auch um die Frage zu klären, ob die dafür im Gespräch stehenden KandidatInnen selbst diese Funktion überhaupt annehmen wollen.

Die Begebenheit zwischen Ibraahiim (‘alaihis-salaam) und Ismaa‘iil (‘alaihis-salaam) ist ein weiteres Beispiel für in der Familie praktizierte Beratung, in diesem Fall zwischen den Generationen. Weiterhin Unter­mauert der Dialog die Schlussfolgerung, dass eine Schuura auch im Falle von bereits beschlossenen Angelegenheiten mit den Betroffenen einzuberufen sei:

فَلَمَّا بَلَغَ مَعَهُ السَّعْيَ قَالَ يَا بُنَيَّ إِنِّي أَرَى فِي الْمَنَامِ أَنِّي أَذْبَحُكَ فَانظُرْ مَاذَا تَرَى قَالَ يَا أَبَتِ افْعَلْ مَا تُؤْمَرُ سَتَجِدُنِي إِنْ شَاءَ اللَّهُ مِنْ الصَّابِرِينَ

Als dieser soweit wurde, mit ihm dem Erwerb nachzugehen, sagte er: „Mein Söhnchen! Ich sah im Schlaf, dass ich dich opfere, so schau, was du meinst.“ Er sagte: „Mein Vater! Tu, was dir geboten wurde. Du wirst mich – so ALLAAH will – als einen der Duldsamen finden.“[vii]

Badrud-diin Bnu-dschamaa‘ah[viii] wie auch Attartuuschiy[ix] gelangten ebenfalls durch den Dialog der beiden Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) zu diesem dargelegten Schluss.

Attabariy führt in seinem Kommentar zu dieser Aayah die Aussage Mudschaahids an, der überlieferte, dass Ismaa‘iil (‘alaihis-salaam) seinen Vater Ibraahiim (‘alaihis-salaam) darum gebeten hat die Opferung so vorzunehmen, dass sie sich dabei nicht von Angesicht zu Angesicht betrachten konnten, da sonst die Gefahr bestehen würde, dass der Vater schwach wird.[x]

Ibnu-kathiir zitiert u. a. Ibnu-‘abbaas dahingehend, dass Ismaa‘iil (‘alaihis-salaam) sein Hemd ausgezogen hat, damit sein Vater es nach der Opferung als Leichentuch verwenden konnte.[xi]
Somit ist durch dieses Beispiel weitere Nutzen der Beratung ersichtlich geworden, nämlich dass durch sie die Umsetzung eines bereits gefassten Beschlusses in einer Angelegenheit erleichtert (die Vermeidung einer Angesicht-zu-Angesicht-Situation) und bereichert (die Idee bezüglich des Leichentuchs) wird.

Aus der Sunnah geht ebenfalls der hohe Stellenwert wie auch die praktizierte Lehre der Beratungseinholung hervor.
Der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) holte sich beispielsweise Rat in der Ifk-Situation ein.[xii]

Als Al-ifk wird in der Siirah die Verleumdung der Mutter der Iimaan-Bekennenden ‘Aaischah (radiallaahu ‘anha) seitens der Heuchler bezeichnet, welche ihr (radial-laahu ‘anha) ungebührliches Verhalten andichteten. Zehn Aayaat – 24:11-20 – sind bezüglich ‘Aaischahs (radial-laahu ‘anha) Unschuld herabgesandt worden.[xiii]

In Al-hudaibiyah kamen die Prophetengefährten der verbal erteilten Aufforderung des Gesandten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) nicht nach, die ‘Umrah mit dem Scheren des Kopfes und dem Schlachten eines Opfertiers zu beenden. Der Prophet (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) suchte daraufhin Ummu-salamah (radial-laahu ‘anha) auf. Seine Ehefrau gab ihm (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) den Rat mit, er möge ein Beispiel initiieren, dem gefolgt werden würde. Tatsächlich beeilten sich die Gefährten es dem Propheten (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) gleichzutun, nachdem er (sallal-laahu ‘alaihi wa sallam) sich den Kopf geschoren hatte.

 

Überzeugungskraft wie auch Annahme-Kraft innerhalb der Schuura wünscht Euch
Mohammed Johari

 


[i] Quraan (2:232)

[ii] Ar-raisuuniy: Asch-schuura, S. 4.

[iii] Quraan (2:233)

[iv] In: Ar-raisuuniy: Asch-schuura, S. 38.

[v] Quraan (65:6)

[vi] Quraan (4:35)

[vii] Quraan (37:102)

[viii] In: Ar-raisuuniy: Asch-schuura, S. 3.

[ix] In: Ar-raisuuniy: Asch-schuura, S. 3.

[x]Attabariy, Band 21, S. 76, in: http://library.islamweb.net/maktaba/index.php?flag=1&page=bookpages&bookid =50&id=4171&bookparts=[76:21]&LoadTab=LoadBookDetail

[xi] Ibnu-kathiir: Tafsiirul-quraan, Daarus-salaam, Riyadh, 2000, Band 8, S. 274.

[xii] Ar-raisuuniy: Asch-schuura, S. 4. Aus Sahiih Al-buchaariy 4141, Book 64, Hadiith-Nr 185, in: https://sunnah.com/ bukhari/64

[xiii] Siehe Ibnu-kathiir: Tafsiirul-quraan, Daarus-salaam, Riyadh, 2000, Band 7, S. 33ff.

Schlagwörter: , Kategorien: Für zwei sich LiebendePublished On: Juli 30th, 2020